Magic Moments

5
Punkte
16. Dezember 2007 | Wermelskirchen

Vor zwei Tagen hatte ich mit meiner Coverband einen sehr bemerkenswerten Auftritt in einem Lokal in Wermelskirchen. Da besagtes Lokal kaum größer ist, als ein durchschnittliches deutsches Wohnzimmer und für eine Firmenparty mit Buffet und sechzig Gästen gebucht war, mussten wir den Gig in Minimalbesetzung (Sängerin, Elektro-Akusikgitarre, Bass und "abgespecktes" Schlagzeug) absolvieren. Gewöhnlich treten wir zu siebent mit entsprechend großem Equipment auf. Das sollte also für uns eine Premiere werden.

Am Abend zuvor hatten wir die sechs Stücke unseres Programms, die ich auch gewöhnlich auf meiner Ovation (E-Akusikgitarre) spiele, ertmals zu viert geprobt und dabei bemerkt, dass Songs in der quiasi-unplugged Version eine ganz neue Dynamik entwickeln. Aus Spaß haben wir dann noch ein paar Songs gespielt, die sonst gewöhnlich elektrisch "voll auf die 12" gehen - und bekamen kollektiv diese wohlige Art von Gänsehaut! Den grössten Anteil daran verdanken wir mit sicherheit unserer Sängerin, die einfach mit einer Ausnahmestimme gesegnet ist. Gegen Mitternacht hatten wir schliesslich eine überarbeitete Setlist für den anstehenden Auftritt.

Da wir für diese Firmenparty als Überraschungseinlage gebucht waren, wurden wir - ebenso wie unsere Instrumente - zunächst von den nach und nach eintreffenden Partygästen kühl distanziert beäugt. Schnell wurde es so eng in den Räumlichkeiten, dass man nicht mehr an brandschutzrelevante Vorschriften denken mochte.

Das exzellente Buffet wurde eröffnet und nach dem Dessert ging's dann für uns auf die Bühne. Naja, auf das, was die Bühne hätte sein sollen. Eng war's, der Platz wäre allenfalls für einen Singer/Sonwriter noch okay gewesen. Die erste Reihe des Publikums hätte auf unseren Füßen gestanden, hätten unser Bassist und ich uns nicht dafür entschieden, auf Barhockern sitzend zu spielen. Unsere Sängerin stand mit ihrem Mikrofon wirklich in den Zuschauern.

Wir wurden kurz angesagt, dann ging's los. Und das Publikum ging vom ersten Song an sofort mit! Der Hammer! Es wurde getanzt, mitgesungen, nach jedem Stück frenetisch applaudiert. Die Raumtemperatur erreichte allmählich saunataugliche Werte. Wir sahen uns immer wieder fragend an und bekamen alle dieses dämliche Grinsen nicht nehr aus dem Gesicht. Nach sechs Songs sagten wir "danke und tschüss". Tosenden Applaus und Rufe nach Zugabe bekamen wir zur Antwort.

Als erste Zugabe hatten wir "It's My Life" von Bon Jovi ausgesucht, was wir am Abend zuvor erstmals spontan akustisch gespielt und nur zweimal kurz druchgespielt hatten. Normalerweise eröffnet dieser Titel mit viel Power unser Programm. Ich zählte an und wir stiegen allein mit meiner Gitarre und der fantastischen Stimme unserer Sängerin in den Song ein. Bis auf uns herrschte im Raum absolute Stille. Unser Publikum schaute so, wie man es von kleinen Kindern kennt, wenn der Nikolaus vor ihnen steht. Dann setzten Bass und Schlagzeug ein, und die Leute flippten vollkommen aus, die sind mit uns "geflogen", Begeisterung pur - auch bei uns! Das hatte einfach etwas magisches. In den darauffolgenden Riesenapplaus hinein begann ich mit "What's Up", unserer regulären letzten Zugabe. Klar, dass laut mitgesungen wurde und die obligatoreischen Feuerzeuge über dem Kopf geschwenkt wurden. Erst nachdem wir dem Publikum glaubhaft versichert hatten, dass wir in der kleinen Besetzung wirklich nicht mehr Stücke spielen könnten, entließ man uns unter Applaus zu unserer verdienten Zigarette und einem After-Show-Bier.

Eigentlich klar, dass wir während des restlichen Abends alle mitgeführten Visitenkarten losgeworden sind und etliche der Anwesenden unsere Schultern klopfend ihre Begeisterung zum Ausdruck brachten. Darüber hinaus gab es konkrete Buchungsanfragen für diverse Veranstaltungen im kommenden Jahr.

Kurz vor fünf Uhr früh war ich dann zu Hause, den Nachklang eines absolut bemerkenswerten Abends im Kopf, müde, jedoch viel zu aufgewühlt um schlafen zu können. Ich bin Hobby-Musiker aus Leidenschaft seit meinem vierzehnten Lebensjahr, hatte etliche Auftritte mit verschiedensten Bands, darunter auch größere im Vorprogramm bekannterer Acts - dieser Gig gehört mit Sicherheit zu jenen, bei denen die Interaktion zwischen Band und Publikum am intensivsten war. Wir haben Emotionen ausgetauscht - good vibrations :-)

In seinem Roman "Soviel Zeit" schreibt Frank Goosen sinngemäß: "Anstatt alten Erinnerungen nachzuhängen, sollten wir neue schaffen." Das ist meiner Band und mir an diesem Abend wohl gelungen.

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Carsten
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